Tu was du gerne tust – Kindheit und Jugend auf dem Land

Provinz und dörfliches Idyll. Ich glaube für Kinder ist dies das beste Umfeld zum Gedeihen.

Provinz und dörfliches Idyll, ich glaube für Kinder ist dies das beste Umfeld zum Gedeihen.

Auf ihren Streifzügen entlang  des Waldrands und über Wiesen hinterm Dorf an der Lahn lernten sie den damals ehrfurchtslos als Unkraut bezeichneten Sauerampfer kennen, der nicht nur, wie sein Name es bedeutete, säuerlich schmeckte, sondern sogar ausgezeichnet. Im Menü mit Waldbeeren und trocknen Brotscheiben, die sie unbemerkt aus der Küche abgezweigt hatten, war das Überleben im Reisigquartier gesichert. Das allerdings mussten sie spätestens um die Abendbrotzeit wieder verlassen, um rechtzeitig am Tisch zu sein. Tagsüber hatten sie  Dämme zu bauen, damit der Bach hinter dem Garten sich zu einem kleinen Teich anstaute, in dem jedoch nie Fische auftauchten. Sie wussten, wenn im Juli der Futtermais reifte, dass nur die jungen, unreifen Früchte zart waren und köstlich nach Abenteuer und Freiheit schmeckten. Sie teilten die Rauke mit den Stallkaninchen und saugten den süßen Nektar aus den Blütenböden der Taubnesseln.

Nina, die Dackelhündin, war manchmal zwei Tage zur Jagd verschwunden. Stets kam sie ohne Beute zurück. Sie war beim Sparziergang mit dem Großvater ihrem Trieb gefolgt und nahm eine offensichtlich vielversprechende Fährte auf, der sie instinktiv und besessen folgte. Sie hörte dann die Rufe nicht mehr.  Nach ihrem zweiten Durchbrennen wussten sie: Nina kommt wieder.  Ein Restzweifel blieb allerdings immer und so war die Freude groß, wenn sie zerzaust und noch fiebrig von der Jagd zuhause auftauchte.

1973. Als vierzehnjähriger Teenager, inzwischen umgezogen in ein noch weiter abgelegenes Dorf, trieb ich mich immer noch gerne im Wald herum. Mascara und Nagellack hatte ich zwar längst entdeckt, aber für mich schloss das den Wald nicht aus. Meine Freundinnen waren für das Abenteuer Wildnis nicht zu haben, und so waren es meist mein zwei Jahre  jüngerer Bruder und dessen Freunde, mit denen ich mich auf Expedition begab. Holz sammeln, Feuer machen, die Hausaufgaben sollten warten. Trockenes Gras ließ unser Feuer schnell und hoch lodern. Es knisterte und züngelte und es machte Spaß. Wir hatten einen kleinen Waldbrand entfacht, der uns schnell lodernd außer Kontrolle geriet. Wir konnten ihn, dem Himmel sei Dank, aus eigener Kraft rechtzeitig löschen. Mit Stöcken und unseren Jacken schlugen wir in die Flammen bis nur noch Rauch aufstieg. Den Dorfbewohnern blieben die Brandstifter unbekannt. Bis heute vermutlich.

1976. Von der Schule war ich bedient. Ich war in den beiden letzen Jahren mit meinen Leistungen nicht schlecht, ich hatte sogar Lieblingsfächer, Deutsch, Kunst, Sozialkunde, Ethik (damals hieß das Fach noch Religion) und Physik. Es war aber nicht das, was ich weiter verfolgen wollte. Eine kaufmännische Ausbildung sei solide und das beste Sprungbrett in eine tragfähige und sichere berufliche Laufbahn, so hieß es im Elternhaus. Und das bei einer stattlichen Note fünf in Buchführung und Kostenrechnung, aber Eltern wissen wovon sie sprechen.
Damals musste ich nur vier Bewerbungen schreiben und konnte daraufhin aus drei Ausbildungsplätzen wählen. Wir entschieden uns für die Ausbildung zur Industriekauffrau (die Berufsbezeichnung war eigentlich -kaufmann) in einer Polstermöbelfabrik. Sie gibt es leider schon lange nicht mehr gibt – es waren tolle Möbel.

Ich lernte alles über Leder und Gerben, über Drelle und Webverfahren, über Bonnellfederkerne und Schaumstoffe. Ich lernte Materialbestellungen durchzuführen. Für ein Telex musste man über eine Schreibmaschinentastatur lange Lochstreifen stanzen, die Löcher waren der Text. Er wurde verschickt, indem man den Lochstreifen in den Lochstreifenleser hängte und die Nummer des Empfängers wählte. Dann ratterte das Gerät los. Ich erfuhr, dass für die Arbeitsvorbereitung ein unbarmherziger Refa-Mann die Abläufe in der Produktion kontrollierte und zu optimieren versuchte. Ich begriff das Ablagesystem des Einkaufs irgendwann  … ich tippte in der Buchhaltung unter strenger Beobachtung einer grauen Dame ungeschickt Zahlenkolonnen in die Rechenmaschine … stopp!

Jetzt begann ein Geburtsfehler mehr und mehr Wirkung zu zeigen. Nach einem halben Jahr der Ausbildung – dabei war manches wirklich spannend und manche Kollegen wirklich liebenswert – fasste ich mir Mut und trug zuhause vor, dass meine Leidenschaft nicht diesem Beruf gilt, ich viel lieber eine Ausbildung zur Fotografin machen möchte…

1978. Die Lehre musste ich selbstverständlich zu Ende bringen. Darüber gab es keine Diskussion. Rosinen hatte ich im Kopf. Das war der Geburtsfehler. Die waren nicht weg zu bekommen. Sie waren ursächlich für alle Spinnereien, sonderbaren Fantasien, für all den Blödsinn, den ich verzapfte. Kein Hausarrest oder andere Sanktionen konnten die Rosinen  beseitigen. Ich tat mir nicht leid, nur wegen der Rosinen an der Stelle, wo andere vernünftige Gedanken entwickeln konnten, schließlich waren gerade sie es, die auch für jede Menge Spaß sorgten.  Sie waren jedoch eindeutig ein Handicap. Es gelang mir nicht, so zu sein wie die anderen meines Alters. Die einen waren brav und im Sinne ihrer Eltern oder aus Eigeninitiative auf dem Weg zum Abitur. Die anderen hatten eine Ausbildung abgeschlossen und begannen nun anständig Geld mit ihren Berufen zu verdienen. Mich hingegen trieben schon wieder Dummheiten um. Ich wollte für ein Jahr als Au Pair nach Cornwall. Der Mut ins Ausland zu gehen, verlor sich schließlich wieder, als mir Gewissensbisse gemacht wurden, denn zuhause gab es jede Menge Arbeit bei der Sanierung des alten Wohnhauses, und ich, ich wollte mich davor drücken.

Ich beschloss, den roten Faden meines Gestaltungsdrangs wieder aufzunehmen. Eine berufliche Ausbildung der Richtung Innenarchitektur war in meinem Visier. Räumlich für mich erreichbar war die Fachoberschule für Bau/Holz. Da ich in der väterlichen Schreinerei das erforderliche praktische Jahr absolvieren konnte, erschien mir alles wie eine Fügung. Dass ich bald am Hauptfach Statik scheitern würde, konnte ich nicht ahnen. Dieses elementare Unterrichtsfach machte mir das Leben schwer. Inzwischen musste ich nicht mehr fragen, also brach ich die FOS nach dem ersten Jahr ab.

Für eine Berufsvision den Standort zu wechseln, die Innenarchitektur in Augsburg zu erlernen, hatte ich schnell entscheiden. Jedoch das Regelwerk der Bayern stellte mir eine Hürde in den Weg, die ich nicht nehmen wollte.