Tu was du gerne tust – Erziehungsjahre

Kinder machen süchtig

Kinder machen süchtig

Erziehungsjahre prägen Kinder und ihre Eltern.  Sie sind sinnvoll und fruchtbar für beide Teile.

1994. Auf meiner chaotischen Suche nach einer wirklichen Berufung war ich nun an einem Ziel angekommen, das zunächst als solches gar nicht definiert war. Ein so unglaublich einschneidendes Ereignis war die Geburt eines Kindes. Im Leben mit einem Kind war keine Sekunde wie eine andere. Die Entwicklung des kleinen Menschen ging so rasant vonstatten, dass niemals Langeweile aufkommen konnte. Es war spannend vom ersten Tag an und machte aus mir einen neuen Menschen. Ich begann nun immer öfter meine Gedanken in die Zukunft zu schicken, mir auszumalen, wohin dieses Kind sich entwickeln könnte. Täglich aufs Neue versuchte ich zu entdecken, welches Wesen dieses Baby hatte und begleitete behutsam seinen Weg in sein individuelles Leben.  Schon bald war ich regelrecht angefixt und wollte noch ein Kind. Meine kleine Tochter ließ nicht lange auf sich warten. Wenn es mir nach gegangen wäre, hätte das so weiter gehen könnten. Mein Mann hatte allerdings schon zwei größere Kinder und konnte sich zur Fortsetzung dieser freudigen Ereignisse nicht entschließen. Ich war also zufrieden mit diesem turbulenten Pärchen, das jetzt mein Leben bestimmte. Ich hatte Freude daran, mein Erziehungskonzept umzusetzen und saugte wie Löschpapier neue Informationen zur Kindererziehung auf. Unendlich viel Zeit verbrachte ich mit den beiden spielend auf dem Boden oder beobachtete sie einfach nur. Ich ließ sie aber auch an den täglich wiederkehrenden Arbeiten im Haus und Garten teilnehmen.  Wir waren eine konstruktive Einheit und lernten in diesen Jahren viel voneinander. Wir erlebten gemeinsam intensiv den Wechsel der Jahreszeiten und Lebensereignisse. Mein Mann fand‘s gut und richtete häufig einen pünktlichen Feierabend ein, um in die Familie einzutauchen.

1996. Inspiriert von meinen eigenen Schwangerschaften, begann ich mit schwangeren Frauen vor der Kamera zu experimentieren. Im Laufe der folgenden Jahre entstanden hunderte Fotoporträts von Frauen, die wie ich, diese Zeit als etwas sehr besonders verstanden. Eine Zeit, in der sie ihre Weiblichkeit auf eine ungekannte Weise erlebten. Frauen, die in diesen neun Monaten ein Schönheit und Erotik entfalteten, die so nicht vorher und nicht nachher möglich war.

Es ließ sich auch gut mit den Kindern einrichten, gelegentlich freie Marketingaufträge anzunehmen. Die Kinder spielten im Garten, ich hatte meinen Schreibtisch ans Fenster gestellt und konnte sie stets sehen oder zur Stelle sein, falls es erforderlich war.

Das liest sich möglicherweise alles sehr verklärt. Natürlich ist ein, durch wen auch immer, fremdbestimmter Tagesablauf nicht nur lustig, auch nicht, wenn er von den eigenen Kindern bestimmt wird. Im Rückblick jedoch betrachtet, hatten wir viel Bullerbü.

Bekanntlich werden auch die kleinsten Kinder größer. Die Zeit kam, dass ich wieder zurückkehren wollte in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis. Dann erfuhr ich, dass der Markt diese Rückkehr nicht ohne weiteres duldete, zumal ich nur halbtags arbeiten wollte. Ich suchte drei Jahre ohne Erfolg nach einer Anstellung in meinem Beruf.

2003. Nach fast zehn Jahren als Vollzeitmama mit freiberuflichem Homeoffice fand ich eine Teilzeitanstellung in einem Steuerbüro und schrieb die Mandantenpost. Es war ein Kompromiss. Die Texte jedoch, die ich in die Tastatur klopfte, waren durchaus interessant und hielten mich bei Laune. Dass solche Arbeiten, dreiundzwanzig Jahre nach der frustrierenden Erfahrung des Rechnungen-Schreibens, inzwischen im Word erledigt wurden, kam mir sehr entgegen.

Würde man mich damals gefragt haben, ob ich die Erziehungsjahre bereute, würde ich geantwortet haben:

Für meine berufliche Entwicklung bedeuteten sie einen Knick. Für meine Kinder und die Bereicherung, die ich durch sie erleben durfte, war es die richtige Entscheidung. Ich würde mich vermutlich wieder so entscheiden, denn letztlich sind unsere Kinder unsere Zukunft. Absolut ideal scheint es mir jedoch, wenn die Eltern sich die Erziehungszeit teilen. Dazu sind die Arbeitgeber aufgefordert Modelle anzubieten, die das Sharing auf eine Weise ermöglichen, dass die berufliche Entwicklung nicht darunter leidet.

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